Sächsische Verhältnisse: Willkommen in Heidenau, willkommen bei Rassisten

Nach zwei pogromartigen Nächten in Heidenau vor einer neuen Asylbewerberunterkunft in einem ehemaligen Baumarkt, die bundesweit für Aufsehen gesorgt hatten, war ich am Sonntag auch vor Ort. In Heidenau am Bahnhof mit dem Bus angekommen, stieg neben mir ein junger Mann mit seiner Freundin aus. In einer Plastiktüte hörte man die Bierflaschen klimpern, er selber trug ein Landser-Shirt. Willkommen in Sachsen…

Bereits am späten Mittag standen einige alkoholisierte „Besorgte Bürger“, oder wie sie auch gerne genannt werden: „Asylkritiker“, auf der anderen Straßenseite gegenüber der Unterkunft. In den vergangenen Nächten hatten sich dort bis zu 300 gewaltbereite Rassisten auf dem Parkplatz eines Supermarktes versammelt und sich Straßenschlachten mit der völlig überforderten Polizei geliefert.

Im Laufe des Sonntagnachmittag kamen der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich, sowie sein Innenminister Markus Ulbig und sein Wirtschaftsminister Martin Dulig, für einen Besuch in der Asylbewerberunterkunft vorbei. Begleitet wurden sie unter Anderem vom Bürgermeister von Heidenau, Jürgen Opitz. Nach dem Besuch gaben sie ein kurzes Statement für die Presse ab, sie sprachen davon, dass das Gewaltmonopol des Staates mit aller Härte durchgesetzt werden soll. Wie das aussah, konnte man später am Abend spüren…

Am späten Nachmittag wurde die Stimmung schon gereizter. Ich bin mit einem Kollegen zur Tankstelle gelaufen, auf dem Weg dorthin wurden wir von mehreren Rassisten mit Getränken bespritzt und man rief uns zu „Verpisst Euch!“. Der Kollege wollte einen der Täter anzeigen, als dieser sich dann vor den Augen der Polizei bei dem Kollegen entschuldigen mussten, beließen wir es dabei.

Ab 18 Uhr wurde rund um die Unterkunft und in Teilen von Heidenau ein Kontrollbereich eingerichtet. Bereits auf den Zufahrtsstraßen fanden Kontrollen statt. Auf der B172, die direkt zwischen der Unterkunft und dem Supermarkt durchführte, auf der am Freitag Abend Straßensperren durch Rassisten errichtet wurden, positionierte die Polizei zwei Wasserwerfer. Die Rassisten, die sich teilweise betrunken und gröhlend auf dem Parkplatz des Supermarktes rumtrieben, wurden mit sanften Schubsern Richtung Westen abgetrieben, zu einer Kreuzung, die mehrere hundert Meter von dem Brennpunkt entfernt war. Die Aussage des Pressekontaktmannes der Polizei war sinngemäß: Asylkritiker und Schaulustige müssen den Ort verlassen, Asylbefürworter dürfen bleiben. Es hatten sich inzwischen circa 50 Antifaschistinnen und Antifaschisten gegenüber der Unterkunft angesammelt. An der Kreuzung und in Büschen entlang der Straße standen weiterhin betrunkene Rassisten rum, Flüchtlinge die aus Versehen in diese Richtung liefen wurden mit „Asylanten raus!“ angebrüllt.

Um 21:12 Uhr kam eine S-Bahn aus Dresden in Heidenau an, mit ihr eine große Gruppe von 200 Antifaschist_innen. Bereits am Bahnhof gab es aus mir nicht bekannten Gründen durch die Polizei Schlagstockeinsätze. Die Gruppe versammelte sich vor der Unterkunft, so das die B172 komplett gesperrt wurde. Nun wendete die Polizei auch den Wasserwerfer, damit er in Richtung Antifaschist_innen zielte. Es wurden Sprechchöre gerufen und gesungen.

Kurz nach 22 Uhr lief eine Demonstration in östlicher Richtung los. Als an einer Tankstelle drei Rassisten gesehen wurden, stürmte ein Teil der Demonstrant_innen auf diese zu, das war der anscheinend willkommene Anlass für die Polizei, völlig frei zu drehen. Auf einmal wurde die ganze angekündigte Härte des Rechtsstaates eingesetzt. Die Polizei knüppelte brutal in die Demonstration rein, Pfefferspray wurde massiv eingesetzt, es fand eine regelrechte Hetzjagd statt, Verletzte lagen am Boden. Die Menschen wurden mit Gewalt schnell in Richtung Bahnhof getrieben. Auch Journalisten bekamen Polizeiknüppel zu spüren. Ein äußerst aggressiv Polizist brüllte sie an „SIE! KÖNNEN! VOM! RAND! AUS! FILMEN!“. Es gab mehrere Verletzte unter den Antifaschist_innen, spätere Fotos aus der S-Bahn, mit der sie wieder Richtung Dresden fuhren, zeigten eine Blutlache vor einer Abteiltür.

Gegenüber der Unterkunft verblieb noch eine kleinere Gruppe Antifaschist_innen. Diese Menschen, und die abreisenden Antifaschist_innen, die selber in ihren größeren und kleinere sächsischen Orten tagtäglich Repressalien durch Nazis ausgesetzt sind, waren letztlich die einzigen, die offensiv Gesicht gegen die Rassisten zeigten, welche sich weiterhin frei in der Stadt herumtrieben. Dafür verdienen diese sächsischen Antifaschist_innen höchsten Respekt.

Es gibt in Heidenau selbstverständlich auch Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen. Einige waren am Nachmittag vor der Unterkunft und fragten, wie sie helfen können. Der Bürgermeister versprach, in den nächste Tagen Möglichkeiten zu schaffen, damit sich die Bürger der Stadt einbringen können. Nicht ganz Heidenau ist rassistisch. Aber es muss davon ausgegangen werden, das die Flüchtlinge in der Stadt in absehbarer Zeit immer wieder mit Anfeindungen konfrontiert werden. Menschen, die vor Krieg geflohen sind, werden mit Hass empfangen. Sächsische Verhältnisse…

Josef A. Preiselbauer

1 comment

  1. Hallo Josef,

    guter Bericht den ich in vielen Teilen beipflichten kann. Das die Polizei „völlig frei drehte“ habe ich jedoch nicht so empfunden, allerdings stand ich auch ein paar Meter weg von Dir. Daddurch hat man gleich eine andere Perspektive. Auf Youtube habe ich zwei Videos aus meiner Perspektive eingestellt.

    Mein Fazit: Es ist schlimm, was in unserem Land passiert. Es ist traurig, wenn man „Polizeigewalt“ braucht um Konflikte zu lösen. Aber zu einen Streit bedarf es immer mindestens zweier und wenn die sich nicht einigen, dann muss ein Dritter schlichten. Dies Verantwortung haben unsere Politiker und dieser sollten sie schnellstmöglich gerecht werden.

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