BDS: Boycott, Divestment and Sanctions gegen Israel – Ein Vortrag in München

UPDATE: Ursprünglich war in dem Artikel ein falscher Name angegeben. Richtig ist, der Vortragende war Christopher Ben Kushka.

Im Rahmen des so genannten „Palästina/Israel – Herbst 2015“ in München fand am Abend des 7. November im Gasteig ein Vortrag zum Thema „BDS: Boycott, Divestment and Sanctions“ statt. Bereits im Vorfeld gab es von jüdischen Organisationen Protest dagegen. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sprach davon, das BDS antisemitisch ist und es tarne „das sozial nicht adäquate ,Kauft nicht bei Juden!’ als modernisierte Form des Nazijargons in der Forderung ,Kauft nicht vom jüdischen Staat!’“. (Bericht in der AZ, siehe dazu auch bei Schlamassel Muc.)

BDS, zu Deutsch: „Boykott, Kapitalabzug und Sanktionen“, hat sich zum Ziel gesetzt, den israelischen Staat durch Boykott aller Waren aus Israel und aus den besetzten Gebieten in die Knie zu zwingen, damit dieser die besetzten Gebiete räumt. Das schließt nicht nur einen wirtschaftlichen, sondern auch kulturellen und wissenschaftlichen Boykott ein. Aktionen von BDS führten unter Anderem dazu, das explizit jüdische Künstler aus den USA, also nicht einmal aus Israel, aufgefordert wurden, sich vor Konzerten von der israelischen Besatzungspolitik zu distanzieren, oder es werden schwere Geschütze gegen den Konzertveranstalter aufgefahren. Ein weiteres Beispiel der „Erfolge“ ist die israelische Firma Sodastream, die im Westjordanland eine Fabrik betrieb, in der zu vergleichsweise sehr guten Löhnen Palästinenser arbeiten konnten. Durch den Boykottaufruf von BDS musste Sodastream diese Fabrik zu schließen, mit den entsprechenden Konsequenzen, dass viele Menschen dort ihren Arbeitsplatz verloren.

Doch zu dem Vortrag in München. Vor Beginn versammelten sich vor dem Eingang mehrere Jüdinnen und Juden, um mit Israelfahnen gegen diesen Vortrag zu protestieren. Im Saal selber fanden ca. 120 Personen Platz. Ein älterer Mann in der Reihe vor mir trug eine Israelfahne um den Hals. Ihm wurde erklärt, dass der Vortragende seinen Vortrag nicht anfangen will, solange diese Fahne gezeigt wird. Der Mann reagierte mit einem „Dann soll er den Vortrag halt nicht halten!“ darauf. Die Symbole des Staates Israel war offensichtlich unerwünscht.

Des weiteren erfolgte noch eine „Entschuldigung“ der Stadt München, als ein Vertreter sagte: „Die Inhalte geben unter Umständen nicht die Meinung der Stadt wieder.“

Der Vortrag wurde von Christopher Ben Kushka gehalten. Er meinte zu Anfang, normalerweise fängt man einen Vortrag zur Auflockerung mit etwas Lustigem an, aber ihm fällt zu dem Thema Israel Palästina nichts Lustiges ein.

Offensichtlich kennt er den wohl den jüdischen Humor nicht.

Sein Vortrag richtet sich an Menschen, die ein vertieftes Bild zu BDS haben wollen. Kushka hat zwei Jahre in Israel gelebt und in einem Kibbuz gearbeitet. Das Buch „Die ethnische Säuberung Palästinas“ von Ilan Pappe hat viel bei ihm bewirkt. Kushka sprach von mehreren Millionen Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. BDS ist eine gute Möglichkeit, die Wut um umzuwandeln, in Mittel, die etwas verändern können. BDS ist gewaltfrei, antirassistisch, antikolonialistisch, solidarisch und erfolgsversprechend. Darauf kam aus dem Publikum der Ruf: „Und Antisemitisch!“. Kushka war in Palästina. Es geht vor allem um den Mauerbau. Er erwähnt allerdings nicht, warum diese Mauer gebaut wurde. Interessant ist auch, dass er immer nur von einer palästinensischen Zivilgesellschaft spricht, als ob es keine Terrororganisationen gäbe. Er verglich die Berliner Mauer (155km) und „Palästinensische Mauer“ (723km) miteinander und verwies dabei auf die Organisation American Jews Solidarity Against Zionism.

Kushka zeigte an Hand von Karten, wie sich der israelische Staat angeblich immer weiter ausbreitet und die Palästinenser immer weiter zurückdrängt. (Eine gute Analyse, warum diese Karten nicht die Wahrheit zeigen, findet man hier.) Er sprach von Diskriminierung der Araber in Israel, dass das eine Apartheid ist, von den Bruch von Menschenrechten und dass es 50 rassistisch Gesetze gegen die israelischen Araber gibt, aber keine Gleichstellung.

Bei einer seiner Reisen half er palästinensischen Kindern auf dem Schulweg, weil sie von Siedlern angegriffen werden. Er sprach davon, dass Kinder nicht als Rassisten und Besatzer geboren werden und zeigt den Screenshot eines Spiels, bei dem Araber getötet werden müssen.

Im Publikum wurde es derweil immer unruhiger. Diese Unruhe hielt auch den ganzen Abend an, mehrfach wurde angedroht, einzelne Störer rauszuwerfen. Die Polizei stand schon bereit, um Juden abzuführen, dazu kam es letztlich aber nicht.

Kushka erzählte weiter von von Juden, die Araber hassen und einer unheimlichen Durchseuchungsrate mit Rassismus unter jüdischen Jugendlichen in Israel. Einige Siedler setzte er mir Nazis gleich. Dann zeigte er ein Video eines Siedlers mit Messer, der auf einen Rabbi losging, der Palästinenser hilft, Oliven zu ernten.

Zum Schluss redete er noch darüber, was BDS gemacht und erreicht hat, zum Beispiel Sodastream. Es gibt eine massive Kampagne gegen BDS, das israelisches Konsulat hat sich sogar eingeschaltet, berichtete er, damit man ihn in München nicht hören kann. In einem längeren Zitat las er noch Dinge vor, die er sich vermutlich selber nicht traute zu sagen.

Dann gab es eine Fragerunde. Mein Eindruck war, das die meisten Zuhörer, unter ihnen auch der Münchner Stadtrat Marian Offman, dem Vortrag gegenüber sehr kritisch eingestellt waren. Die ersten Wortbeiträge sprachen daher auch von einer „Propagandaveranstaltung der Palästinenser“. Es wurde erklärt, worauf Helow nicht eingeht, ist die wahre ethnische Säuberung, dass diese eine Grundhaltung der islamisch palästinensischen arabischen Welt ist. Ein Pädagoge erklärte, der Vortrag kann nur eine Sechs erhalten, denn Kushka hat nicht verstanden, das einer Reaktion immer eine Aktion vorausgeht. Und Israels Handlungen sind Reaktionen. Es wurde außerdem vorgeschlagen, man solle sich erst um die Aktionen der Hamas kümmern, die eine Reaktion des israelischen Staates provozieren.

Kushka lies sich daraufhin zu der Aussage hinreisen, er bezweifelt, dass das Reaktionen sind. Die Palästinenser haben nicht darum gebeten, die deutsche und europäische Schuld am Holocaust auszuhalten.

Ein Zuhörer kritisierte, für ein kritisches Meinungsbild braucht man beide Seiten, Kushka ist nicht auf die Messerangriffe eingegangen, nicht die Propagandavideos der Hamas, nicht darauf, was in den Schulen der arabischen Kinder unterrichtet sind.

Ein 1927 geborener Holocaustüberlebende warf Kushka vor, was er erzählt, hat mit der Wahrheit nichts zu tun, er zählte auf, wie viele Juden aus den verschiedenen arabischen Ländern nach Israel gekommen sind, Menschen die fliehen mussten, sonst hätte man sie umgebracht. Die Hälfte der Menschen heute in Israel sind Flüchtlinge und deren Nachfahren aus diesen Ländern. Er erzählte, dass er 1948 mitgekämpft hat. Sie wollten mit den Arabern zusammenleben, die Araber wollten aber den Krieg.

Kushka verteidigt sich mit internationalen Recht und UN-Statements. Er meinte, wer kann dem jüdischen Volk nach der Shoa verdenken, dass sie in einem jüdischen Staat leben wollen? Und fragte weiter, dieses Recht, gehört das eher auf das Land des Staates, das den Holocaust verbrochen hat oder in eine andere Welt? Der BDS nimmt keine Stellung dazu, ob Zweistaaten- oder Einstaatenlösung besser wäre.

Weitere Stimmen aus dem Publikum waren ein Historiker, der erklärte, am 11. November wird die Europäische Kommission veranlassen, dass sämtliche Waren und Güter aus Westbank und Siedlungen gekennzeichnet werden. Ein Iraker berichtet, wozu der Boykott gegen den Irak geführt hat, er sprach alleine von hunderttausenden toten Kinder in Folge des Boykotts. Ein Mädchen berichtet, ihr Opa hat 5 KZs überlebt. Der Frieden kommt erst, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben als ihre Waffen.

Weiter wurde das Beispiel Sodastream angesprochen, Palästinenser die arbeitslos geworden sind dank BDS, man nimmt denen den Job weg, denen sie helfen wollen. (Siehe: „Arbeitslose und verzweifelte Palästinenser“) BDS will auch einen kulturellen Boykott, die Konsequenz wäre, dass sie den israelischen Staat komplett austrocknen würden. Auf der ganzen Welt werden Menschen umgebracht, da setzt sich BDS nicht ein, es geht nur gegen den demokratischen Staat Israel.

Kushka erzählte davon, dass er im Kibbuz gearbeitet hat, er wusste damals einige Dinge nicht, so zum Beispiel, das es dort ganz in der Nähe ein Lager gab, das israelisches Guantanamo, in dem Palästinenser ohne Anklage festgehalten werden. Er sagte, es gibt in jeder Gesellschaft Rassisten. Israel begeht jedoch staatlich verordnetes Unrecht. Israel ist in der Welt auf einem der letzten Plätze, was Beliebtheit betrifft.

Ich persönlich denke ja, das hat mehr was mit dem Antisemitismus vieler Menschen zu tun.

Zu Sodastream sagt Kushka kein Wort. Die Diskussion ging noch eine Weile weiter.

Zum Ende der Veranstaltung standen einige Jüdinnen und Juden auf und fingen an zu singen. Eine ältere Frau hielt dabei eine Israelfahne hoch. Kushka riss ihr die runter und hielt ihr sein Smartphone zum filmen oder fotografieren im geringen Abstand direkt vor das Gesicht. Danach gab es auch vor dem Saal noch längere Diskussionen. Einige Münchner Jugendliche waren noch vorbeigekommen, um die Israelfahne zu zeigen.

Mein Fazit ist, dass der Vortrag derart einseitig war, einseitiger geht es gar nicht mehr. Kushka ist mit keinem einzigen Wort darauf eingegangen, warum diese Mauer existiert, warum es überhaupt zu der Besatzung gekommen ist, wie viele Juden 1948 aus den arabischen Ländern vertrieben wurden, unter welchem Terror der Hamas die Palästinenser im Gazastreifen leben müssen, warum der israelische Staat so hart vorgeht, und so weiter. Es ging, wie bei BDS typisch, nur darum, dass Israel der Schuldige ist.

Mir fällt dazu nur ein: Wenn die Araber die Waffen niederlegen, dann wird es Frieden geben. Wenn Israel die Waffen niederlegt, wird es dort bald keine Juden mehr geben.

Weitere Fotos und ein Artikel auf englisch bei 24mmjournalism.

Josef A. Preiselbauer

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