Er sagt, er meint es ernst

Ich reblogge heute mal etwas aus meinem alten Blog.

Während heute, am 9. November, viele nicht wissen, ob sie feiern trauern sollen1, will ich die Gelegenheit mal nutzen und an Norbert Bischoff2 erinnern. Er war Liedermacher der DDR, eine ausführliche Biographie gibt es bei liedermacher-forum.de.

Norbert Bischoff nahm sich am 9. November 1993 im Alter von nur 34 Jahren das Leben. Er schrieb: „Das rechte Datum zu verschwinden für einen Deutschen“.

Von ihm stammt das Lied „Er sagt, er meint es ernst“. Man muss es an dieser Stelle mal betonen: Das Lied stammt aus der DDR!3 Ist aber heute aktueller den je.

[audio:http://www.mist.woschod.de/16.mp3]

Er sagt, er meint es ernst

Ich sitz in der Kneipe, trink ein Bier und döse vor mich hin
Da kommt ein Typ an meinen Tisch und fragt, ob ich alleine bin
Und ehe ich mich versehe sitzt er schon und grinst mich dreckig an
Und meint, dass ich für seine Kehle ihm ein Bier ausgeben kann
Ich sag ihm, diese Art von Überfällen find ich nicht gerade toll
Und ich bin auch nicht Rockefeller, verdammt ich weiß nicht was das soll
Ich soll mich nicht so haben, meint er darauf, war ja nur ein Spaß
Und außerdem, wo bleibt mein Mitgefühl als Mensch, ey wenigstens ein Glas
Na gut, ich lass mich überreden, und komm mir vor wie überfahrn
Ich hab doch keinen Bock zu streiten, mit so ’nem aufgeblasenen Hahn

Doch da beim Trinken seh ich ein Hakenkreuzt auf seiner Hand
So groß wie einen Fingernagel, als Tätowierung eingebrannt
Und ich frage leicht erschrocken, ist das etwa auch ein Scherz?
Doch da grinst er wieder dreckig und sagt, nein, das meint er völlig ernst

Und wie er so ins Reden kommt, schwärmt er wie es bei Adolf war
Noch heute müsste man vergasen die Juden- und Zigeunerschar
Und all die Schwulen und Perversen sind dekadent und müssen weg
Und Intellektuelle quatschen bloß, der Mensch hat aber nur den Zweck
Sich zu beherrschen und zu fügen, wie die Natur das eben will
Und wie als Deutsche müssen siegen und werden unseren Kampf erfüllen

Ich überleg und denk, mein Gott, was kannst Du tun, und stell ihm ein paar Fallen
Was wär, wenn die Chinesen kämen um sich Europa einzukrallen
Die sind doch noch viel mehr als wir und bräuchten vielleicht Lebensraum
Doch er meint die sind viel zu blöd, das würden die sich niemals traun
Nur noch die Rechten merken langsam, woher der Wind von Morgen weht
Und was bei denen heut noch schief läuft, kriegen wir wieder hingedreht
Ja wir sind schon ganz schön Viele und warten nur noch auf den Tag
An dem wir uns dann alle finden, denn nur zusammen sind wir stark

Ich sehe mich um und fühl mich wie ein Stein der sich nicht rühren wird
Sekunden werden Ewigkeit, Gedanken zügeln mich, verwirrt
Such ich nach meinen Worten, nur die Wut hält mich noch fest,
und will nicht das sich mein Verstand den Wahnsinn hier gefallen lässt
Und er sitzt einfach da, als sei es das normalste von der Welt
Mit Nazisprüchen zu posieren, und ich fühl mich von Angst umstellt
Auch diese immer ewig gleiche Furcht, schon seit der Kinderzeit
Vor prügelfesten Männerfäusten als letztes Argument im Streit
Doch plötzlich bricht es aus mir heraus, was er sich denkt, wo er hier sei
Und wenn er nicht die Schnauze hält, dann ruf ich gleich die Polizei

Da sagt er, na versuch‘s doch mal, du feiger Hund, ob du wen findst
Die Bullen haben doch meistens Schiss, wenn die nicht gerade im Rudel sind
Dann steht er auf und schmeißt den Stuhl und stellt sich neben mich wie ein Pfau
Du kotzt mich an, Leck mich am Arsch, du abgefuckte linke Sau

Dabei zuckt‘s mir durch den Schädel, und ich werde totenbleich
Großdeutschland bleib mir fern für immer, behüt uns Gott vorm Vierten Reich

  1. So mancher Blödmann meint sogar den inoffiziellen Nationalfeiertag des deutschen Glaserhandwerks begehen zu müssen und wundert sich dann, wenn statt dessen den Nationalfeiertag der deutschen Zahnärzte ausrufen kann []
  2. Nicht zu verwechseln mit SPD-Mitglied Norbert Bischoff, seit 30. Dezember 2009 Minister für Gesundheit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt []
  3. Die Entscheidung darüber zu haben, was produziert wird und was nicht, zumal in den monopolartigen Strukturen der DDR-Medien, das doch ein ganz erhebliches Stück macht, das kann man doch nicht machtlos nennen.
    Aber es war eben auch nicht so simpel und eindimensional, wie es vielleicht aussah. Ich kann mich noch daran erinnern, wie unsere Abteilung mit Norbert Bischoff das Lied „Er sagt, er meint es ernst“ produzierte. Anschließend wurde ich zum Vorsitzenden zitiert und musste dafür Rede und Antwort stehen. Ich sagte zu ihm, dass wir dieses Lied gemacht haben, weil es Erscheinungen von Neonazismus und Rechtsradikalismus auch bei uns in wachsendem Maße gäbe, dass Norbert Bischoff dieses Lied nach einer tatsächlichen Begebenheit geschrieben hätte und dass man zu solchen Entwicklungen nicht schweigen dürfe.
    Daraufhin sagte der Vorsitzende: „Wir werden dem Gegner, dem Klassenfeind, doch nicht unsere Schwächen zeigen. Selbst wenn es hundertmal so wäre, werden wir das nicht tun.“ Und das war eine Haltung, die hab‘ ich all die Jahre immer wieder erlebt. Es war ein Argument, mit dem man alles kleinkriegte, wenn andere Einwände versagten.“
    (Walter Cikan, Chefproduzent Jugendmusik des Rundfunks der DDR, in dem Buch „Rockmusik und Politik – Analysen, Interviews und Dokumente“ von Peter Wicke und Lothar Müller (Hg.) []

Wolf Biermann singt im Bundestag

Der Ehrenbürger von Berlin, gottväterlicher Widerstandskämpfer gegen die DDR, durfte gestern zu einer Feierstunde anlässlich des Mauerfalls vor 25 Jahren im Bundestag singen. Und was tat er? Er beschimpfte die Abgeordneten der Linkspartei als „der elende Rest dessen, was zum Glück überwunden ist“. Mehr dazu, inkl. Video, beim BR.

Zeit mal wieder ein paar schöne Zitate über Wolf Biermann rauszusuchen.

Wiglaf Droste:

„Politisch stand Biermann in der Nähe jeder Fernsehkamera“

Peter Hacks (Quelle: “Am Ende verstehen sie es” von P.H.):

„Naja, die Biermann-Sache. Wenn man sich ungeheuer anstrengte, dann gelang es einem, mit der Stasi Knatsch zu kommen. Da mußte man aber wirklich provozieren. Da mußte man Krieg führen. (…) Das hat er getan, in einer wirklich widerwärtigen Weise. Und man mußte Kontakt mit westlichen Diensten haben. (…) Biermann ist ein Mensch, der für öffentliche Aufmerksamkeit alles tun würde. Eingeschlossen seiner eigenen Hinrichtung. Wenn genug Publikum ist, würde er sie verlangen. Das ist ein pathologisch Geltungssüchtiger. (…) Dieser Mensch störte jede heitere Geselligkeit. Faschingsfeste bei Fritz Cremer wurden gesprengt von Biermann, welcher, wenn alle Leute unmittelbar vor dem Beischlaf standen, zu seiner Gitarre griff und den Leuten ohne zu ermüden tragische Lieder vorsang. Er kannte keine Rücksicht. Also, er singt auch seinem Postboten vor. Natürlich sang er auch der Stasi vor.“

Reinhard Jellen:

„Der intelligenteste Aspekt, dem man z. B. einer Figur wie Wolf Biermann abgewinnen kann, ist der, dass seine ehemalige Frau Eva Maria Hagen angeblich mit Peter Hacks gebumst hat.“

Eigentlich ist es schon ein Wunder, das Biermann noch nicht für die aktuellen Montagsmahnwachen gesungen hat. Denn immerhin hat er in einem Interview auf die Frage „Was ist links, was ist rechts?“ geantwortet:

Die Worte links und rechts haben ihre Bedeutung im Politischen verloren – im Geschichtsprozess, nicht durch Worte. Das waren die Wegmarkierungen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Aber vermutlich sind ihm selbst die Mahnwachen schon zu progressiv.

9. November: Diese Grenze wurde aufgehoben,
damit wir gemeinsam wieder in den krieg ziehen

DIESE GRENZE WURDE AUFGEHOBEN,
DAMIT WIR GEMEINSAM WIEDER IN DEN KRIEG ZIEHEN

Aktion mit Großtransparent-Installation am 9.November 2014, 13 Uhr auf dem Alexanderplatz in Berlin

Die Annexion der DDR 1990 verschaffte dem deutschen Imperialismus die Basis, sein Weltmachtstreben auf dem Rücken aller auszuagieren.

Nach innen mit der Abschaffung des Asylrechts 1993, mit staatlicher Duldung faschistischer Mordbrennereien, mit Demontage der Löhne und Renten in Ost und West und Entrechtung der Arbeitslosen, mit nazi-verharmlosenden Schlussstrichen und Entschädigungsabwehr für die deutschen Verbrechen in den Weltkriegen.

Nach außen mit Bomben auf Belgrad 1999, mit staatlicher Förderung 5. Kolonnen, mit völkischem und antisemitischem Ideologieexport, mit politischer Überstimmung und ökonomischer Überschwemmung der EU-Länder.

»Wir werden uns wieder mit den ganz uninteressanten Fragen auseinanderzusetzen haben«, beklagte der jüngste DDR-Bürger Ronald Schernikau diesen epochalen Rückschritt vom realen Sozialismus in den Sumpf der Barbarei: »Am 9. November 1989 hat in Deutschland die Konterrevolution gesiegt. Ich glaube nicht, dass man ohne diese Erkenntnis in der Zukunft wird Bücher schreiben können.«

1999 wurde gefragt: Ob die Grenze aufgehoben wurde, damit wir zusammen in den Krieg ziehen?

Der deutsche Imperialismus hat so massiv und ungehindert aufgerüstet, dass wir feststellen müssen: DIESE GRENZE WURDE AUFGEHOBEN, DAMIT WIR GEMEINSAM WIEDER IN DEN KRIEG ZIEHEN.

Mit dieser Aktion soll den Menschen in Ost und West die objektive Situation in diesem Land und der Weg der Kriegsvorbereitung, den es seit 1989 beharrlich erstürmt, nüchtern vor Augen geführt werden.

Vor den deutschen Kriegstreibern ist niemand mehr sicher. Es wird Zeit, ihnen die Hände zu zerschlagen, bevor sie die Vorkriegszeit wieder beenden, die am 9. November 1989 anhob.

»Aktionsgruppe 9. November 2014«

kontakt: november2014aktion@gmail.com

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